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Pflaster ist umstritten: Steine sollen die Luft reinigen - wie gut klappt das?

CASTROP-RAUXEL/DORTMUNDStädte wie Castrop-Rauxel und Dortmund haben Pflastersteine verlegt, die über eine ganz besondere Eigenschaft verfügen: Sie sollen die Luft reinigen können. Hört sich spektakulär an, doch die Meinungen über das Pflaster gehen auseinander - nicht nur wegen des hohen Preises. Also: Was bringt das Hightech-Pflaster?

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  • Steine sollen die Luft reinigen - wie gut klappt das?
    Auf dem Marktplatz in Castrop-Rauxel gibt es Pflaster, das die Luft reinigen soll. Theoretisch gut. Ob die Steine jedoch halten, was sie versprechen, darüber streiten die Fachleute. Foto: Abi Schlehenkamp

Man sieht ihnen ihr Potenzial nicht an: Die Pflastersteine, die auf Teilen des neuen Marktplatzes in Castrop-Rauxel verlegt wurden, sehen aus wie: ganz normale Pflastersteine. Grau und grobkörnig. Aber sie sollen richtig was können – sie sollen die Stickoxidbelastung senken. In Kommunen mit schlechter Luft müsste das Pflaster der Renner sein. Ist es aber nicht. Das mag am Preis liegen, aber viel mehr noch daran, dass die Wirksamkeit der Steine umstritten ist.

Hersteller schlug das spezielle AirClean-Pflaster vor

Auch Castrop-Rauxel hatte keine AirClean-Steine auf dem Schirm, als man neuen Belag für den Marktplatz aussuchte, sagt Thorsten Werth-von Kampen vom Stadtbetrieb EUV. Entschieden hatte man sich für herkömmliches Pflaster. Genauer: Segmentbogenpflaster mit Altstadtoptik.

Der Hersteller schlug dann das spezielle AirClean-Pflaster vor. Beim Castroper EUV sei man angetan gewesen – der Stickstoffdioxidwert in der Altstadt lag laut Werth-von Kampen zuletzt bei 37,5 Mikrogramm pro Kubikmeter im Jahresmittel. Und damit nicht weit unter dem EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm. Da passte ein Pflaster gut, das schädliches Gas reduzieren kann.

Nitrate in unbedenklichen Mengen in der Kanalisation 

Das Ganze funktioniert so: Den Steinen wird Titandioxid beigemischt. Der Stoff wirkt als sogenannter Photokatalysator: Trifft Sonnenlicht auf die Titandioxid-Fläche, werden die gasförmigen Stickoxide in Nitrate umgewandelt, die letztlich vom Regen abgewaschen werden. Sie landen in der Kanalisation oder im Grundwasser – laut Hersteller in unbedenklichen Mengen.

Mit hoher Stickoxidbelastung zu kämpfen haben vor allem Orte mit viel Verkehr. Also auch weite Teile von NRW. „Der Bedarf für die Steine ist da“, ist Andreas Günther-Plönes überzeugt. Muss er auch. Plönes ist technischer Leiter bei F. C. Nüdling Natursteine, der Firma, die die Steine als erste auf den deutschen Markt brachte. Zehn Jahre ist das her. Verlegt hat Nüdling bisher nur etwas mehr als 100.000 Quadradmeter. „Die Kommunen könnten ein bisschen mehr aus der Reserve kommen“, so Günther-Plönes.

Photokatalytischer Bodenbelag für ein Forschungsprojekt

In der Tat muss man etwas nach Städten suchen, die sich für die speziellen Steine entschieden haben. Tübingen, Erfurt und Fulda gehören dazu. In NRW gibt es am Detmolder Busbahnhof photokatalytischen Bodenbelag, dort allerdings für ein Forschungsprojekt. Auch im Klimapark in Rietberg liegen die Steine, aber nur als „Anschauungsobjekt“, nicht weil die Stickoxidbelastung hoch ist, heißt es bei der Stadt.

Bewusst mit Blick auf die Umwelt hat neben Castrop-Rauxel auch Dortmund photokatalytischen Beton verbaut – zum Beispiel auf dem Platz vor dem Dortmunder U. In Hagen dagegen habe man eine entsprechende Idee verworfen, so die Stadt. Der Grund: Kosten und die „zu erwartende positive Veränderung“ für die Luft hätten in keinem Verhältnis gestanden.

Steine sind teurer als herkömmliche

Die Steine sind teurer als herkömmliche. Gut fünf Euro pro Quadratmeter müsse man etwa draufschlagen, sagt Günther-Plönes. Castrop-Rauxel hat für die 4000 Quadratmeter Spezialbelag gut 25.000 Euro mehr aufbringen müssen. Günther-Plönes hält es für eine „relativ preisgünstige Art“, bei einer ohnehin geplanten Baumaßnahme etwas für die Luftqualität zu tun.

Doch was genau tut man? Hersteller und Verkäufer beziehen sich gern auf Studien, die das Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie vor Jahren gemacht hat. Dort heißt es unter anderem, dass bei Versuchen in drei Metern Höhe über den Steinen im Schnitt bis zu 20 Prozent an Stickstoffdioxid abgebaut worden ist und 38 Prozent an Stickoxid. Bei Windstille habe der Wert höher gelegen. Es wird betont, dass es sich um Einzelmessungen handelt, dennoch heißt es in einer Mitteilung von 2009 zusammenfassend, dass „AirClean die Luftqualität deutlich und schnell verbessert und so zum Umweltschutz beiträgt“.

Nur in Bodennähe sehr wirksam

Acht Jahre später hört sich das weit moderater an. Monika Herrchen, die damals an der Studie beteiligt war, erklärt zur Wirksamkeit der Steine, dass direkt über der Oberfläche bis zu 100 Prozent der Stickoxide in Nitrat umgesetzt werden.

Je weiter man sich von der Oberfläche entferne, desto geringer der Wert. Genaue Zahlen könne man nicht nennen, sagt die Wissenschaftlerin. Fest stehe: Über Air-Clean-Steinen werde Stickoxid umgewandelt, aber insgesamt sei es nur ein „kleiner Beitrag zur Reduktion der Stickoxidkonzentration in der Luft.“ Zumal die Flächen, die mit den Steinen gepflastert werden, oft klein seien.

Generell sei es schwer, die Ergebnisse von Messungen im Labor auf die Realitäten vor Ort zu übertragen. Man könne nicht zusichern, wie und ob überhaupt sich die Luftwerte an der nächsten Messstation verändern, sagt sie. Das gibt auch der Hersteller der Steine zu: „Wir würden gerne exakte Versprechungen machen, aber das können wir nicht“, sagt Günther-Plönes. Dafür sei die Datenlage zu gering. Außerdem spielten viele Faktoren eine Rolle: die Größe der Fläche, wie sie genutzt werde, das Wetter – hier vor allem die Sonneneinstrahlung und der Wind.

Messungen zur Wirksamkeit macht niemand

Vor Ort wird gar nicht verfolgt, was die Steine bringen. Egal, ob Castrop-Rauxel, Tübingen, Fulda oder Rietberg – Messungen zur Wirksamkeit macht niemand. Begründung: Man bräuchte standardisierte Bedingungen, das könne man nicht leisten. Es bleibt die Hoffnung, dass das funktioniert mit den Steinen.

Auch in Fulda kommen die Airclean-Steine zum Einsatz.

AirClean-Pflaster in Fulda, der Stadt, in der auch die Firma Nüdling sitzt, die die Steine auf den deutschen Markt brachte. Foto: Nüdling

Zu groß sollte diese aber nicht sein. Das Umweltbundesamt (UBA) fällt ein harsches Urteil über die Steine: Es schätzt die Wirksamkeit für die Senkung der Stickstoffoxidkonzentration in der Außenluft als „gering“ ein, heißt es auf Anfrage. Und weiter: Man könne sich fragen, warum die Steine „mit dem Argument der Luftreinhaltung verbaut werden“.

Weniger als zwei Prozent der Emissionen würden entzogen

Das UBA begründet seine Sicht mit mehreren Studien: So habe die Bundesanstalt für Straßenwesen in zwei Untersuchungen herausgefunden, wie gering der Effekt der Steine sei. Das UBA selbst hat eine Studie der Hochschule Ostwestfalen-Lippe genauer betrachtet und die Ergebnisse hochgerechnet. Das Resultat: Selbst wenn alle Verkehrsflächen in Deutschland aus photokatalytischen Baustoffen wären, würden dadurch nur etwas weniger als zwei Prozent der gesamten deutschen Stickstoffoxid-Emissionen der Luft entzogen. Ein Tropfen auf den heißen Stein.

Die Reinigung der Außenluft sei generell nicht der richtige Ansatz, so das UBA. Direkt über AirClean-Steinen könnten Stickoxide zwar im zweistelligen Prozentbereich abgebaut werden, „jedoch ohne dass die Luft in der weiteren Umgebung davon wesentlich betroffen ist“. Die Wirkung verpuffe. Viel besser sei es, an der Quelle anzusetzen, also Abgase zu reinigen.

Fördermittel werden in Anspruch genommen

Auch in Castrop-Rauxel sieht man AirClean-Steine nur als „eine von vielen Maßnahmen“, die Luft zu verbessern. Man könne sich aber vorstellen, noch mal welche zu verlegen und auch erneut Förderung in Anspruch zu nehmen, heißt es beim Stadtbetrieb. Die Mehrkosten für die Marktplatzsteine hat ein RWE-Fonds getragen.

In Fulda wird AirClean-Pflaster laut Stadt ohnehin nur verwendet, wenn das Land dies fördert. „Massive Effekte“ auf die Luftqualität erwarte man nicht, dafür seien die Flächen zu klein, heißt es schlicht.

 

Stickoxide sind gefährlich für Gesundheit und Umwelt
Stick(stoff)oxid ist der Oberbegriff für gasförmige Verbindungen von Stickstoff und Sauerstoff. Sie entstehen, wenn etwa Kohle, Öl oder Gas verbrannt werden. In Ballungsgebieten trägt laut Umweltbundesamt (UBA) vor allem der Straßenverkehr (größtenteils Diesel-Fahrzeuge) zu hoher Stickstoffbelastung bei.
Die Gase sind gesundheits- und umweltschädigend. Besonders Stickstoffdioxid ist gefährlich für Pflanzen und Gift für die menschlichen Atemwege.
Europaweit wurde für Stickstoffdioxid ein Grenzwert festgelegt: 40 Mikrogramm pro Kubikmeter im Jahresmittel.
Das UBA misst jedes Jahr deutschlandweit Stickstoffdioxid-Werte. Zu hoch waren die Werte nur an verkehrsnahen Stationen, dort aber zu 57 Prozent. In NRW wurde der Grenzwert hier an fast jeder zweiten Messstelle überschritten. Darunter in Städten wie Dortmund, Essen, Hagen.
Wegen Überschreitung der Grenzwerte hat die EU Deutschland bereits mit einer Klage gedroht.

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